Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert den Sonderforschungsbereich »Humandifferenzierung« für weitere dreieinhalb Jahre (2026-29).

Das bedeutet: In 21 Teilprojekten können die Wissenschaftler:innen unterschiedlicher Arbeitsbereiche weiter erforschen, wie Menschen (sich) unterscheiden. Die Theaterwissenschaft und Medienkulturwissenschaft des Instituts sind wieder mit eigenen Teilprojekten vertreten. Herzlichen Glückwunsch!

Der SFB »Humandifferenzierung« (SFB 1482) untersucht die grundlagentheoretische Frage, wie Menschen (sich) unterscheiden – zum Beispiel nach Nationalität, Ethnizität, Alter, Geschlecht oder Leistung, aber auch in Abgrenzung von anderen Lebewesen oder Maschinen. Entgegen der Alltagsvorstellung, dass Menschen über bestimmte Eigenschaften verfügen, erforschen die 21 Teilprojekte des interdisziplinären Verbunds die Funktionsweisen und Konjunkturen von Unterscheidungsprozessen und fragen danach, wie Kategorisierung, Klassifikation, räumliche Segregation und Stereotypisierung Differenzierungen zwischen Menschen herstellen.

Das FTMK ist in der zweiten Förderphase des SFB nun sogar mit fünf Teilprojekten vertreten:

Teilprojekt D04: „Schauspielen als Beruf. Historische Konjunkturen der Humandifferenzierung in Schauspielausbildung, Künstlervermittlung und Theaterhäusern im 20. Jahrhundert“

Dr. Hanna Voss und Prof. Dr. Friedemann Kreuder erforschen gemeinsam mit Stefanie Hampel und Annika Will die Bedeutung von Humandifferenzierungen für die Personalauswahl und -formung in Schauspielausbildung, Künstlervermittlung und Theaterhäusern im Zuge der Professionalisierung des Schauspielberufs im 20. Jahrhundert: Wie werden (potentielle) Auszubildende, Berufsanwärter:innen und Schauspieler:innen im Rahmen von künstlerischen Auswahlprozessen kategorisiert und (aus)sortiert sowie in beruflichen Sozialisationsprozessen institutionell geformt? Das Projekt untersucht verschiedene Zeiträume vor dem Hintergrund wechselnder politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedingungen: die Weimarer Republik und die NS-Zeit sowie das geteilte Deutschland bis zur Wiedervereinigung.

Teilprojekt D06: „Theater im Wettbewerb. Diversität als Kriterium der Kulturförderung“

Stefanie Husel untersucht Praktiken der Humandifferenzierung in der gegenwärtigen Kulturförderung und dem mit ihr verbundenen Antragswesen im Theaterkontext. Es beleuchtet, wie die Auswahl ‚förderungswürdiger‘ Theatermacher:innen im Zuge kulturpolitischer Bemühungen um Diversifizierung auf Unterscheidungen nach Humankategorien rekurriert. Zugleich wird Thema, inwieweit Theaterprojekte in ihren Förderanträgen, Aufführungen und Nachbesprechungen ihrerseits aktuelle gesellschaftliche Prozesse der Humandifferenzierung thematisieren oder kritisch beleuchten. Beispielhaft untersucht werden ein großskaliges EU-Kooperationsprojekt sowie bundesdeutsche Theaterwettbewerbe.

Teilprojekt E02: „Humandifferenzierungen des Publikums. In- und Exklusion durch Praktiken der Adressierung und Segregation im Gegenwartstheater“

Prof. Dr. Benjamin Wihstutz untersucht (gemeinsam mit Dr. Elena Backhausen) einen kulturellen Wandel im Theater der Gegenwart, der die Humandifferenzierung des Publikums betrifft. Erforscht wird, wie das Theaterpublikum als  Versammlung und (Teil)öffentlichkeit adressiert, differenziert und segregiert wird. Im Zentrum stehen die Analyse neuer Praktiken identitätsbezogener Publikumsadressierung in der Öffentlichkeitsarbeit von Theatern, dramaturgische und materiell-infrastrukturelle Maßnahmen zur Förderung von Barrierefreiheit sowie zeitgenössische Debatten über Normen und Konventionen diskriminierungssensibler Kommunikation von Veranstaltungen (z. B. über sogenannte Trigger Warnings oder Safe Spaces).

Teilprojekt E04: „Mobilitätstypen. Infrastrukturelle Humandifferenzierung im urbanen Straßenverkehr“

Prof. Dr. Gabriele Schabacher und Dr. Tom Ullrich untersuchen die infrastrukturelle Humandifferenzierung urbaner Mobilitätstypen im Rahmen der ‚Verkehrswende‘. Sie fragen danach, wie sich das Verhältnis von Autofahrenden, Radfahrenden und zu Fuß Gehenden durch den Bau ökologisch nachhaltiger Mobilitätsinfrastrukturen im städtischen Raum verändert und welche Konflikte dabei entstehen. Wie werden technisch-funktionale Typen von Verkehrsteilnehmerschaft, so die leitende Überlegung, zu identitär aufgeladenen Kategorien der Selbst- und Fremdzuschreibung, bei denen die genutzten Vehikel als Stellvertreter sich wechselseitig ausschließender Lebensweisen erscheinen? Im Städtevergleich analysiert das Projekt, wie die agentive Verflechtung von Menschen und Vehikeln, die verteilungspolitischen Raumansprüche der Mobilitätsgruppen sowie Bilder und Affekte an der Entstehung identitärer Kategorien beteiligt sind.

Teilprojekt WIKO Wissenschaftskommunikation II: Resonanzräume. Begegnung und Austausch zwischen Wissensformen und Öffentlichkeiten

Prof. Dr. Benjamin Wihstutz leitet zusammen mit Prof. Dr. Tobias Boll (Soziologie) zudem das Teilprojekt für Wissenschaftskommunikation des SFB in der zweiten Phase. Neben der bisherigen digitalen Medienformate wie den Podcast Sone & Solche wird WIKO um zwei neue Handlungsfelder ergänzt: die Gestaltung von Resonanzräumen in Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen einerseits sowie mit Künstler:innen und Kultureinrichtungen andererseits. In beiden Feldern werden Begegnungsanlässe geschaffen, in denen wissenschaftliche Perspektiven auf gesellschaftliche Erfahrungen und Ausdrucksformen treffen – im Wissen darum, dass Bildungs- wie Kunstformate eigenständige, epistemisch produktive Beiträge zur Reflexion von Humandifferenzierung leisten können.

Weitere Informationen auf der Homepage des SFB 1482 sowie zur Pressemitteilung.